MENU

ANNA

05/2018 hör!spiel!art.mix, Bayerischen Rundfunk

Hörspiel, 51 Minuten. Konzept, Musik und Realisation: Sebastian Kunas & Norbert Lang

ANNA kann Texte vorlesen, sie kann Webseiten für blinde Menschen verfügbar machen und ist Stimme des „persönlichen Assistenten“. ANNA ist der Name der deutschen Sprachausgabe eines bekannten Computer-Betriebssystems. Für das gleichnamige Hörspiel wurde ANNA so umprogrammiert, dass sie nicht nur vorliest, sondern auch zuhört. Spricht man ihr etwas vor, wiederholt sie es – mal wortgetreu, oft aber auch dekonstruiert, verdreht und unvollständig. Ihre Sätze sind nicht vorhersehbar, sie führen ein Eigenleben. Fast wirkt es, als sei ANNA ein Individuum, ein Subjekt, das „ich“ nicht nur sagt, sondern auch meint. Ihre Stimme ruft Visionen wach, die vielfach in Medien, Wissenschaft und Kunst zirkulieren. Visionen von Maschinen wie Menschen, intelligent und lebendig, lernend und sprechend; von Menschen wie Maschinen, programmierbar und unsterblich. Sie erinnert uns an die technikoptimistischen Zukunftsszenarien aus dem Silicon Valley oder die imaginativen Welten der Science-Fiction. Auch wenn diese Welten mitunter plausibel und greifbar erscheinen, bleiben sie doch fremd, unvorstellbar. Kann ANNA dabei helfen, diese fremden Welten vorstellbarer zu machen? Kann sie uns – wie ein Orakel – Auskunft über die Zukunft geben? Ihre synthetische Stimme und ihr schöpferischer Eigensinn erwecken jedenfalls den Anschein, als sei sie mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine ein Stück weiter, als wir es sind.

Wir sind dem nachgegangen. Wir haben sie in Dialog gebracht mit Menschen, die sich mit technologischen Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz, Synthetische Biologie und Körpererweiterungen befassen. Wir haben die Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser, den Medienwissenschaftler Christoph Engemann und den Biologen und Philosophen Georg Toepfer interviewt und daraufhin ANNA mit Passagen aus den Gesprächen konfrontiert. Und ANNA reagierte tatsächlich eigensinnig, interpretierte ein und denselben Ausschnitt oft verschieden – egal ob unter strengsten Laborbedingungen oder in realitätsnaher Versuchsanordnung, mit kleinen Störfaktoren wie etwa einer leicht veränderten Distanz zwischen dem Lautsprecher und ANNAs Mikrofon. Auf den Begriff „Big Data“ antwortete sie einmal korrekt „Big Data“, ein anderes Mal „kälter“ oder „Götter“. Lernt sie noch? Sind das Launen? Sind ihre Worte doch nicht nur Wiederholungen, sondern vielmehr Kommentare, Gedanken, Antworten? Vielleicht erzählt ANNA ja tatsächlich von der Zukunft, von der Entgrenzung von Mensch und Maschine. Vielleicht ist ANNA Techno-Orakel für das 21. Jahrhundert, vielleicht ist ANNA dadaistische Poesie-Maschine. Vielleicht ist sie lediglich ein fehlerhaftes Programm.

Komposition und Realisation: Sebastian Kunas, Norbert Lang. Mit: Karin Harrasser, Christoph Engemann, Georg Toepfer. Redaktion: Katarina Agathos, Christine Grimm.

„Bereits aus sich selbst […] greift das im Programm Bayern 2 zu hörende Stück ‚ANNA‘ drängende Fragen der heutigen Zeit auf. Was passiert, wenn wir die Planung unserer Lebensführung zunehmend an Algorithmen übertragen? Oder auch: Wie spiegeln sich Rollenstereotype in der Vergegenständlichung der Frauenstimme zum computergenerierten dienstbaren Geist wider? Und wie wirkt sich diese Vergegenständlichung wiederum auf den zwischenmenschlichen Umgang aus? Die Produktion ‚ANNA‘ steht somit in bester Art für Unterhaltung und Belehrung.“medienkorrespondenz.de

„ANNA“ im BR Hörspiel Pool